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Ist es denn ein Wunder, frage ich, dass uns überliefert ist, wie die schwarzhäutigen Wilden dieses Kon- tinents die Kaffeebohne aßen, bevor sie ihren Göttern Menschenopfer darbrachten? Man muss nur die gewalttätigen kaffeetrinkenden westlichen Gesellschaften mit den friedliebenden Teetrinkern des Orients vergleichen, um festzustellen, welch bösartige Wirkung dieses Gebräu auf die menschliche Seele hat. »Du-bist-was-du-isst«-Spinner sind in Indien genau so verbreitet wie in Kalifornien. Was mich hingegen faszinierte, war der Kontrast zu einem französischen Buch aus dem 18. Jahrhundert, auf das ich zufällig in Hanoi gestoßen war. In diesem Buch, Mon Journal, führt der Moralist und Historiker Jules Michelet das Entstehen einer aufgeklärten westlichen Gesellschaft im Grunde genommen auf den Wandel der Europäer zu Kaffeetrinkern zurück: »Es besteht kein Zweifel, dass die Ehre für dieses Feuerwerk kre- ativen Gedankenguts teilweise jenem großen Ereignis zuzuschreiben ist, welches neue Sitten begrün- dete und sogar das menschliche Naturell veränderte – der Einführung des Kaffees.« Wie typisch französisch, dachte ich damals, die Aufklärung auf einen
Espresso zurückzuführen. Aber Michelets Beobachtung befindet sich
überraschend mit jenen modernen Forschungsergebnissen im Einklang, die
vermuten lassen, dass bestimmte Nahrungsmittel die Geschichte in bis dato ungeahnter
Weise beeinflusst haben. Spezialisten dieser Fachrichtung, der so genannten
Ethnobotanik, haben erst kürzlich die These aufgestellt, dass der Verzehr
bestimmter Pilze gewisse Gehirnfunktionen verändere. Andere haben berichtet,
dass die von den Mayas dargestellten heiligen Jaguare in Wirklichkeit Frösche
sind, welche die Priester ihrer halluzinogenen Kräfte wegen massenhaft
verzehrten. Die jüngste For- schung wies auch darauf hin, dass das Veilchen
den Pharaonen deshalb als heilig galt, weil es berau- schend wirkte. All diese
Nahrungsmittel sind Drogen, na klar. Wie auch der Kaffee – als jemand,
der vieles ausprobiert hat, weiß ich, wovon ich spreche. Vielleicht war
Michelet da einer wichtigen Sache auf der Spur. Wann hatten die Europäer
damit angefangen, Kaffee zu trinken, und was tranken sie davor? Ich hatte keine
Ahnung. Und ganz bestimmt hätte ich mir nicht träumen lassen, dass
mich die Suche nach der Antwort auf diese Frage fast um den ganzen Erdball führen
würde, mehr als dreißig- tausend Kilometer per Zug, Dau, Rikscha,
Frachter und sogar auf einem Esel. Selbst jetzt, da ich diese Seite schreibe,
weiß ich nicht, was ich von meinem Manuskript halten soll. Manchmal klingt
es für mich wie das Gefasel eines Drogensüchtigen im Koffeinrausch,
zu anderen Zeiten wie eine völlig glaubwür- dige Studie. In Kalkutta
jedenfalls wusste ich lediglich, dass es nur einen Ort gab, wo man die Suche
nach der Bestätigung für Michelets These vernünftigerweise beginnen
konnte, und das war das Land, Es war an der Zeit, nach Äthiopien zu reisen und jene versprochene zweite
Tasse zu trinken. |
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